Konzert für Klavier Nr. 2 f-moll, Op. 21

Fassung für Streichorchester
Frédéric Chopin
Dauer: 32'


Verwandlung durch Poesie – Frédéric Chopins Klavierkonzert Nr. 2


Komponiert und uraufgeführt wurden beide Klavierkonzerte in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft: Das f-Moll-Konzert im Frühjahr, das e-Moll-Konzert im Herbst des Jahrs 1830 (die umgekehrte Nummerierung folgte der Chronologie der Veröffentlichung). Chopin war 20jährig und bereits im Vollbesitz einer professionellen Technik, die als Fundament seines poetischen Genies zu betrachten ist. Seine handwerkliche Souveränität zeigt sich natürlich im pianistischen Sinn, aber auch in der Behandlung von Form, Harmonik und – oft italienisch inspirierter – Melodik. Alles zusammen führt zu einem Tonfall, der nicht nur von allem Anfang an von absolut individuellem und sofort erkennbarem Charakter ist, sondern sich auch auf Anhieb auf dem stabilen künstlerischen Grund entwickelt, wie ihn die Beherrschung eines musiksprachlichen Vokabulars darstellt. Vergegenwärtigt man sich etwa die formalen Mühen Liszts oder selbst des jungen Schumann, so lässt sich das Erstaunliche solcher Frühvollendung umso deutlicher ermessen. Im Falle des f-Moll-Konzerts ist sie etwa im Umgang mit der Erfindung thematischen Materials zu erkennen: Die drei prägnanten, vom Orchester vorgestellten Themen des Kopfsatzes erfahren, kaum tritt as Klavier mit mächtigen Akkorden auf die Szenerie, ihre charakteristische Verwandlung, Paraphrasierung und Auflösung, was auch die Durchführung bestimmt: Motiv-Verarbeitung im klassischen Sinn wird hier nicht gesucht und sollte deshalb von der Kritik auch nicht bemängelt werden, stattdessen erblüht ein quasi improvisierendes Modulieren, das die Themen nur in poetischen Seitenblicken noch streift. Und so entwickeln sich auch die weiteren Sätze in einer Aura lyrischer Entrückung vom Materiell-Konkreten. Ob das «Larghetto» daher tatsächlich, wie von der Literatur gerne kolportiert und wie Chopin es in eigenen Briefen andeutet, als «inbrünstiger Liebesgruss» an seine erste Geliebte zu verstehen sei, ist in diesen Gefilden der Auflösung letztlich unerheblich. Desgleichen haben die polnischen Implikationen des Schlussatzes – «Masur» und «Kujawiak» tauchen als rhythmische Modelle auf – vor allem koloristische Funktion als Inspirationsmoment. Mit der polnischen Realität jener Jahre, nämlich mit dem nationalen Aufstand und dessen brutaler Niederschlagung durch die russische Armee, kann dieses Final-Rondo kaum in Konkurrenz treten: Als Inbegriff formal bewältigter klavieristischer Brillanz hat es sich vom Tagesgeschehen längst gelöst und ist zum so soliden wie unaufhörlich herausfordernden Repertoirepfeiler der globalen Klavierwelt geworden.

©Michael Eidenbenz

 




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